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aktualisiert am:
29.07
.2010


Der folgende von Kurt Brunk verfasste Text wurde aus dem Stader Schachecho 15, September 1993 entnommen.

60 Jahre Stader Schachverein

60 Jahre - verglichen mit einem Menschenalter - sind ganz schön viel. Ein Hund wird zum Beispiel nicht so alt, denn ein Hundejahr gilt für sieben Menschenjahre; und 420 Jahre - wieder vom Hund auf den Menschen gekommen - möchten wohl nur ganz Naive werden.
Wie viel gilt aber ein Vereinsjahr?
Die Existenzspannen der Vereine sind sehr verschieden und widersetzen sich einem Maßstab. Allerdings durchläuft ein Verein Entwicklungsphasen, die durchaus mit dem menschlichen Leben vergleichbar sind. Die ersten zwölf Jahre (1933 - 1945) des Stader Schachvereins drängen den Vergleich mit einer Kindheit geradezu auf: Da werden brav und artig Anwesenheitslisten geführt, man liest den kindlichen Stolz zwischen den Zeilen der Chronik, wenn sie in "Das-können-wir-auch-schon"-Haltung über Simultankämpfe gegen Großmeister berichtet. Mit unbekümmerter Direktheit wird Herrn ... zugeschoben, dass er das Turnier wegen seines "ungewissen Verhaltens" nicht weitergehen kann.
Natürlich hat das auch an der autoritär-orientierten Gesellschaft gelegen. Auch die folgenden zwölf Jugendjahre (1945 - 1957) mag man teilweise den neuen gesellschaftlichen Umständen zuschreiben: Frei und unbekümmert wird das Nächstliegende ausprobiert, genossen und nicht immer weiter verfolgt. Der Stader Schachverein spielt sporadisch gegen Vereine der näheren Umgebung, und es ist so viel zu entdecken, dass Sprunghaftigkeit keinen Mangel bedeutet. Wilhelm Adrian leitet den Verein in dieser Phase (und noch drei Jahre länger). Er ist Musiklehrer am Athenaeum und öffnet den Verein den jugendlichen Spielern.
Auch die Chronik spiegelt die Jugend des Stader Schachvereins: Oft fehlt die Geduld für die nötigen Eintragungen. Aber bedauern wir nicht alle, in unserer Jugend zu wenig festgehalten zu haben?
Im richtigen Leben schließt sich die Einbindung in Normen und das Laufen in festgelegten Bahnen an. Diesen Weg geht der Stader Schachverein mit seinem Eintritt in den Deutschen Schachverband. Die Wettkämpfe werden nun organisiert, die Gegner vorgeschrieben, und auch die innere Ordnung des Vereins muss sich strecken und die Mannschaften - drei werden es im Laufe dieses Abschnittes - nach allgemeinen Regeln aufstellen.
Sogar der Erfolg wird genormt: Die Titel "Kreismeister" und "Bezirksmeister" überdecken allmählich das Engagement, gegen bestimmte Gegner zu spielen. In den entscheidenden Jahren führt Baurat Ernst Müller den Verein. Er übernimmt den Vorsitz 1963 und stirbt 1968, 45-jährig, ein Jahr vor der Vollendung des dritten Duodezenniums (1957 - 1969).
Wann der nächste Lebensabschnitt, die Etablierung einsetzt, kann auch im Individuallebenslauf selten genau bestimmt werden. Das Aufsteigen der Mannschaften hat schon vor Jahren begonnen, aber irgendwann ist der Erfolg unbestritten. Er ist das Verdienst von Herbert Teßmer, der den Stader Schachverein durch fast das ganze nächste Jahresdutzend (1969 - 1981) leitet, ihn gewichtiger in das Verbandsgeschehen einbringt und die erste Mannschaft in die Oberliga Niedersachsen-Bremen führt.
Reife wirkt auf Betrachter wenig spektakulär. Wenig spektakulär wirkt auch der Stader Schachverein in den letztvergangenen zwölf Jahren. Auch der Vorsitz - mehrfach gewechselt, jetzt in den Händen von Heinrich Eggeling - arbeitet zunehmend im Stillen. Dabei floriert das Vereinsleben. Eine breite Jugendarbeit mit Kontakt zu fast allen Schulen in Stade verbannt alle Nachwuchssorgen. Wie sehr der Stader Schachverein aus dem vollen schöpft, zeigt sich bei der Aufstellung der Mannschaften: Wichtiger als die Frage der Spielstärkenordnung ist manchmal die Verteilung der Fahrer oder die Sorge, nicht zwei Mannschaften in der gleichen Klasse konkurrieren zu lassen. Der einzige, der das gereifte Wachsen des Vereins ungemildert quantitativ erfährt, ist der Spielleiter Werner Micheel, der vor jedem Wettkampf Ausfälle und Ersatzspieler von fünf oder sogar sechs Mannschaften rangieren muss.
Bei der Frage, was die Zukunft noch bringen kann, trägt  der Vergleich mit dem Menschenalter nicht mehr. Anders als in der Individualentwicklung setzt im Organismus eines Vereins eine Reaktion ein, die - wie das Endspiel einer Schachpartie - viele Werte umkrempelt, neue Akzente setzt und neue Aktivitäten hervorruft. Wer hier im Zuge der Rück- und Vorschau die Messlatte anlegen möchte, wird feststellen, dass ein Endspiel nicht nur eine ganz neue Partie sein kann, sondern auch oft die Dauer des bisherigen Spiels an Zügen weit übertrifft.

Wünschen wir Entsprechendes dem Stader Schachverein!

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