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Der
folgende von Kurt Brunk verfasste Text
wurde aus dem Stader Schachecho 15, September
1993 entnommen.
60
Jahre Stader Schachverein
60
Jahre - verglichen mit einem Menschenalter - sind
ganz schön viel. Ein Hund wird zum Beispiel nicht
so alt, denn ein Hundejahr gilt für sieben Menschenjahre;
und 420 Jahre - wieder vom Hund auf den Menschen
gekommen - möchten wohl nur ganz Naive werden.
Wie viel gilt aber ein Vereinsjahr?
Die Existenzspannen der Vereine sind sehr verschieden
und widersetzen sich einem Maßstab. Allerdings
durchläuft ein Verein Entwicklungsphasen, die
durchaus mit dem menschlichen Leben vergleichbar
sind. Die ersten zwölf Jahre (1933 - 1945) des
Stader Schachvereins drängen den Vergleich mit
einer Kindheit geradezu auf: Da werden brav und
artig Anwesenheitslisten geführt, man liest den
kindlichen Stolz zwischen den Zeilen der Chronik,
wenn sie in "Das-können-wir-auch-schon"-Haltung
über Simultankämpfe gegen Großmeister berichtet.
Mit unbekümmerter Direktheit wird Herrn ... zugeschoben,
dass er das Turnier wegen seines "ungewissen
Verhaltens" nicht weitergehen kann.
Natürlich hat das auch an der autoritär-orientierten
Gesellschaft gelegen. Auch die folgenden zwölf
Jugendjahre (1945 - 1957) mag man teilweise den
neuen gesellschaftlichen Umständen zuschreiben:
Frei und unbekümmert wird das Nächstliegende ausprobiert,
genossen und nicht immer weiter verfolgt. Der
Stader Schachverein spielt sporadisch gegen Vereine
der näheren Umgebung, und es ist so viel zu entdecken,
dass Sprunghaftigkeit keinen Mangel bedeutet.
Wilhelm Adrian leitet den Verein in dieser Phase
(und noch drei Jahre länger). Er ist Musiklehrer
am Athenaeum und öffnet den Verein den jugendlichen
Spielern.
Auch die Chronik spiegelt die Jugend des Stader
Schachvereins: Oft fehlt die Geduld für die nötigen
Eintragungen. Aber bedauern wir nicht alle, in
unserer Jugend zu wenig festgehalten zu haben?
Im richtigen Leben schließt sich die Einbindung
in Normen und das Laufen in festgelegten Bahnen
an. Diesen Weg geht der Stader Schachverein mit
seinem Eintritt in den Deutschen Schachverband.
Die Wettkämpfe werden nun organisiert, die Gegner
vorgeschrieben, und auch die innere Ordnung des
Vereins muss sich strecken und die Mannschaften
- drei werden es im Laufe dieses Abschnittes -
nach allgemeinen Regeln aufstellen.
Sogar der Erfolg wird genormt: Die Titel "Kreismeister"
und "Bezirksmeister" überdecken allmählich
das Engagement, gegen bestimmte Gegner zu spielen.
In den entscheidenden Jahren führt Baurat Ernst
Müller den Verein. Er übernimmt den Vorsitz 1963
und stirbt 1968, 45-jährig, ein Jahr vor der Vollendung
des dritten Duodezenniums (1957 - 1969).
Wann der nächste Lebensabschnitt, die Etablierung
einsetzt, kann auch im Individuallebenslauf selten
genau bestimmt werden. Das Aufsteigen der Mannschaften
hat schon vor Jahren begonnen, aber irgendwann
ist der Erfolg unbestritten. Er ist das Verdienst
von Herbert Teßmer, der den Stader Schachverein
durch fast das ganze nächste Jahresdutzend (1969
- 1981) leitet, ihn gewichtiger in das Verbandsgeschehen
einbringt und die erste Mannschaft in die Oberliga
Niedersachsen-Bremen führt.
Reife wirkt auf Betrachter wenig spektakulär.
Wenig spektakulär wirkt auch der Stader Schachverein
in den letztvergangenen zwölf Jahren. Auch der
Vorsitz - mehrfach gewechselt, jetzt in den Händen
von Heinrich Eggeling - arbeitet zunehmend im
Stillen. Dabei floriert das Vereinsleben. Eine
breite Jugendarbeit mit Kontakt zu fast allen
Schulen in Stade verbannt alle Nachwuchssorgen.
Wie sehr der Stader Schachverein aus dem vollen
schöpft, zeigt sich bei der Aufstellung der Mannschaften:
Wichtiger als die Frage der Spielstärkenordnung
ist manchmal die Verteilung der Fahrer oder die
Sorge, nicht zwei Mannschaften in der gleichen
Klasse konkurrieren zu lassen. Der einzige, der
das gereifte Wachsen des Vereins ungemildert quantitativ
erfährt, ist der Spielleiter Werner Micheel, der
vor jedem Wettkampf Ausfälle und Ersatzspieler
von fünf oder sogar sechs Mannschaften rangieren
muss.
Bei der Frage, was die Zukunft noch bringen kann,
trägt der Vergleich mit dem Menschenalter
nicht mehr. Anders als in der Individualentwicklung
setzt im Organismus eines Vereins eine Reaktion
ein, die - wie das Endspiel einer Schachpartie
- viele Werte umkrempelt, neue Akzente setzt und
neue Aktivitäten hervorruft. Wer hier im Zuge
der Rück- und Vorschau die Messlatte anlegen möchte,
wird feststellen, dass ein Endspiel nicht nur
eine ganz neue Partie sein kann, sondern auch
oft die Dauer des bisherigen Spiels an Zügen weit
übertrifft.
Wünschen
wir Entsprechendes dem Stader Schachverein!
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